{"id":114,"date":"2010-09-14T09:52:56","date_gmt":"2010-09-14T08:52:56","guid":{"rendered":"http:\/\/tjshredder.wordpress.com\/"},"modified":"2013-07-27T00:27:02","modified_gmt":"2013-07-26T22:27:02","slug":"die-glocken-der-ddr","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.tj-shredder.de\/blog\/?page_id=114","title":{"rendered":"Die Glocken der DDR"},"content":{"rendered":"<p><!--:de--><a href=\"http:\/\/tjschredder.files.wordpress.com\/2010\/09\/ddrglocken.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-152\" title=\"Cassette der DDRGlocken\" alt=\"\" src=\"http:\/\/tjschredder.files.wordpress.com\/2010\/09\/ddrglocken.jpg?w=233\" width=\"127\" height=\"164\" \/><\/a>Aus Anlass der langen Nacht der Museen Sommer 2010, habe ich eine Klanginstallation im Museum der unerh\u00f6rten Dinge eingerichtet, die auf die Kl\u00e4nge der Glocken der DDR zur\u00fcckgreift, die ich auf einer alten Cassette gefunden habe und zu der Roland Albrecht eine Geschichte erfunden hat\u2026<\/p>\n<p>Ein Ausschnitt ist hier zu h\u00f6ren:<\/p>\n<iframe loading=\"lazy\" width=\"100%\" height=\"81\" scrolling=\"no\" frameborder=\"no\" src=\"https:\/\/w.soundcloud.com\/player\/?url=http%3A%2F%2Fapi.soundcloud.com%2Ftracks%2F5291356&auto_play=false&hide_related=false&visual=false&show_comments=true&show_user=false&show_reposts=false&color=1f89ff\"><\/iframe>\n<p>Und dies ist die Geschichte:<\/p>\n<p><strong>Die Glocken der DDR<\/strong><\/p>\n<h3><strong>Die Geschichte eines Tontra\u0308gers mit dem Gela\u0308ut der DDR, der den Einsturz, den Fall der Mauer vorbereitet, eingela\u0308utet hat.<\/strong><\/h3>\n<p>Die Kassette wurde von Stefan Tiedje entdeckt und ins Museum gebracht.<br \/>\nWenn man Karl Lieberknecht darauf anspricht, erza\u0308hlt er die Geschichte mit den Glocken immer gern. Mit einem La\u0308cheln erza\u0308hlt er, wie die ganze Idee auf dem Rostocker Kirchentag im Juli 1988 entstand.<br \/>\nDer Kirchentag hatte die Losung: \u201eBru\u0308cken bauen\u201c. Lieberknecht meldete sich in der Arbeitsgruppe \u201eWie alt ist das Alte Testament? Ist es alt? Es ist die Zukunft!\u201c an.<br \/>\nDie Diskussion kam dann schnell auf die Trompeten von Jericho. Wie die Mauern der Palmenstadt zerbarsten, die Stadt eingenommen wurde, eine der besten wehrhaften Mauern der damaligen Zeit eigentlich friedlich erobert wurde, nur durch das Blasen, durch das ununterbrochene Blasen von Trompeten.<br \/>\nEine Johanna aus Go\u0308rlitz erza\u0308hlte dann die Geschichte aus der Bibel: \u201eAls die Kinder Israels vor den Toren Jerichos standen, sprach Gott mit ihrem Fu\u0308hrer Josua, dass er, Gott, ihm das Schicksal aller in Jericho Lebenden in die Hand gibt. Sie sollen die Stadt erobern. Josua war es unklar wie, denn die Stadt war eine einzige Festung, da konnte kaum jemand raus und nur schwer hinein. Dann sprach Gott zu Josua, er solle sieben Tage mit vielen Posaunen die Stadt umrunden. Das Volk solle sechs Tage schweigsam mit gehen, am siebten Tag soll es schreien und in einer gro\u00dfen Demonstration um die Mauern gehen. Dann wu\u0308rden die Selbige zusammen fallen und die Stadt ko\u0308nne erobert werden. Sie sollen aber nichts von dem Alten u\u0308brig lassen, nichts, gar nichts. Das ist die Botschaft der Bibel\u201c. Und diese Johanna meinte dann, man sollte das auch ernst nehmen, das seien nicht alles nur Metaphern, Beispiele, Gleichnisse und so ein Zeug.<br \/>\nAllen wurde dann das Thema doch zu hei\u00df, zu stark waren die Parallelen zu der deutschen Teilungsmauer. Aber irgendwie lief die Diskussion immer wieder auf die Mauer hinaus und auf die Frage, ob so etwas denn denkbar sei.<br \/>\nEin Otto, er war Akustiker, meinte, dass dies sehr wohl mo\u0308glich sei, durch die Oberto\u0308ne: \u201eOberto\u0308ne sind ganz was Spannendes. Ohne Oberto\u0308ne gibt es eigentlich keine Musik, das wu\u0308rde sich ganz komisch anho\u0308ren; das, was wir ho\u0308ren, das, was bei uns Gefu\u0308hle auslo\u0308st, das sind immer die Oberto\u0308ne, die Oberto\u0308ne ergeben die Psychoakustik. Das sind ganz chaotische Schwingungen, Frequenzen, und das Spannendste ist, dass durch To\u0308ne, durch die Schwingungen der To\u0308ne, Materie beeinflusst werden kann. Also kann die Bibelgeschichte sehr wohl so stattgefunden haben, wie sie geschrieben ist. Durch das Blasen von hunderten Posaunen, es waren sicher Schofars aus Metall, ko\u0308nnen extreme Schwingungen aufgebaut werden, dass die Mauern poro\u0308s und bru\u0308chig werden.\u201c<br \/>\nDann kam Georg ins Spiel, ein uriger Kerl aus Annaberg. Geru\u0308chte rankten sich um ihn, fu\u0308nf Kinder ha\u0308tte er, alle von anderen Frauen, zwei Kinder von ihm wa\u0308ren im Abstand von drei Tagen geboren, er wu\u0308rde im Wald wohnen, ein echter Aussteiger. Auf jeden Fall zauberte er plo\u0308tzlich eine Tontra\u0308gerkassette hervor und meinte: \u201eWie wa\u0308re es damit, da sind alle Glocken der Republik zu ho\u0308ren?\u201c, worauf Otto, der Akustiker, meinte, dass Glocken die meisten Oberto\u0308ne ha\u0308tten, Glocken wu\u0308rden noch viel besser wirken als alle Trompeten, Posaunen und Schofars zusammen.<br \/>\nEs war eine Tonbandkassette von Eterna, VEB Deutsche Schallplatten Berlin, eine Kassette mit dem Gela\u0308ut der DDR, plus Ansage. Mit Glocken aus Frankfurt, Mei\u00dfen, Naumburg, Berlin, Marktneukirchen, Leipzig, von u\u0308berall, alle Glocken der DDR.<br \/>\nDer ganze Kreis ho\u0308rte nun die Kassette an. Ganz still wurde es. Allen war klar, dass gerade etwas besonders passierte. Eine ganz merkwu\u0308rdige Stimmung, etwas Heiliges entstand, etwas Ehrfurchtvolles, etwas Geheimnisvolles und es war auch das Gefu\u0308hl, dass plo\u0308tzlich das Schicksal der DDR in ihren Ha\u0308nden lag.<br \/>\nDann ging es ganz schnell. Man verabredete, dass man jeden Montagabend diese Kassette, die es auch als Schallplatte gab, ho\u0308rte. Es sollten so viele wie mo\u0308glich sein. Jeder sollte jeden, den er kennt, ansprechen und auch auffordern die Glocken zu ho\u0308ren, immer Montagabend und wenn tausende die Glocken ho\u0308rten, wenn zigtausend mal die Schwingungen erzeugt werden, wu\u0308rde das sicher Wirkung zeigen, und die Mauern, die noch abzurei\u00dfen sind, zum Wanken bringen.<br \/>\nEin Jahr Spa\u0308ter ho\u0308rten zig Tausende in der DDR diese Kassette, die immer wieder neu kopiert wurde. Montagabend fu\u0308r Montagabend ho\u0308rte man die Kassette in allen Ecken der damaligen Republik. Glockenpartys wurden veranstaltet, Schweigetreffen zum Glocken ho\u0308ren abgehalten und vieles dergleichen.<br \/>\nWie das dann im Herbst weiter ging, kann man in jedem Geschichtsbuch nachlesen.<br \/>\nEs gab dann die Montagsdemonstrationen, und niemand ho\u0308rte mehr die Glocken, man ging am Montag zur Demo, und aus den Demos wurde dann der Fall der bereits maroden, poro\u0308sen Mauer und von der DDR blieb, wie in der Bibel prophezeit, nichts mehr u\u0308brig.<br \/>\nVon den Glocken, von den ganzen Treffen, wo man gemeinsam ho\u0308rte, redet heute niemand mehr, es ist alles vergessen und wenn Karl Lieberknecht schmunzelnd davon erza\u0308hlt, dass das alles nicht in den Gescha\u0308ftsbu\u0308chern steht, und dass das auch nicht so schlimm wa\u0308re, dort stehe vieles nicht drin,<br \/>\nwas aber doch stattgefunden habe. Wenn man dabei sein La\u0308cheln sieht, glaubt man ihm fast.<!--:--><!--:en--><a href=\"http:\/\/tjschredder.files.wordpress.com\/2010\/09\/ddrglocken.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-152\" title=\"Cassette der DDRGlocken\" alt=\"\" src=\"http:\/\/tjschredder.files.wordpress.com\/2010\/09\/ddrglocken.jpg?w=233\" width=\"127\" height=\"164\" \/><\/a>On the occasion of the long night of the museums in Berlin August 2010, I created a sound installation based on the sounds of the Bells of the GDR, which I discovered on an old cassette. Roland Albrecht, the director of the museum heard a story about it&#8230;<\/p>\n<p>You can listen to an excerpt here:<\/p>\n<iframe loading=\"lazy\" width=\"100%\" height=\"81\" scrolling=\"no\" frameborder=\"no\" src=\"https:\/\/w.soundcloud.com\/player\/?url=http%3A%2F%2Fapi.soundcloud.com%2Ftracks%2F5291356&auto_play=false&hide_related=false&visual=false&show_comments=true&show_user=false&show_reposts=false&color=1f89ff\"><\/iframe>\n<p>And this is the story (not yet translated):<\/p>\n<h1><strong>Die Glocken der DDR<\/strong><\/h1>\n<h3><strong>Die Geschichte eines Tontra\u0308gers mit dem Gela\u0308ut der DDR, der den Einsturz, den Fall der Mauer vorbereitet, eingela\u0308utet hat.<\/strong><\/h3>\n<p>Die Kassette wurde von Stefan Tiedje entdeckt und ins Museum gebracht.<br \/>\nWenn man Karl Lieberknecht darauf anspricht, erza\u0308hlt er die Geschichte mit den Glocken immer gern. Mit einem La\u0308cheln erza\u0308hlt er, wie die ganze Idee auf dem Rostocker Kirchentag im Juli 1988 entstand.<br \/>\nDer Kirchentag hatte die Losung: \u201eBru\u0308cken bauen\u201c. Lieberknecht meldete sich in der Arbeitsgruppe \u201eWie alt ist das Alte Testament? Ist es alt? Es ist die Zukunft!\u201c an.<br \/>\nDie Diskussion kam dann schnell auf die Trompeten von Jericho. Wie die Mauern der Palmenstadt zerbarsten, die Stadt eingenommen wurde, eine der besten wehrhaften Mauern der damaligen Zeit eigentlich friedlich erobert wurde, nur durch das Blasen, durch das ununterbrochene Blasen von Trompeten.<br \/>\nEine Johanna aus Go\u0308rlitz erza\u0308hlte dann die Geschichte aus der Bibel: \u201eAls die Kinder Israels vor den Toren Jerichos standen, sprach Gott mit ihrem Fu\u0308hrer Josua, dass er, Gott, ihm das Schicksal aller in Jericho Lebenden in die Hand gibt. Sie sollen die Stadt erobern. Josua war es unklar wie, denn die Stadt war eine einzige Festung, da konnte kaum jemand raus und nur schwer hinein. Dann sprach Gott zu Josua, er solle sieben Tage mit vielen Posaunen die Stadt umrunden. Das Volk solle sechs Tage schweigsam mit gehen, am siebten Tag soll es schreien und in einer gro\u00dfen Demonstration um die Mauern gehen. Dann wu\u0308rden die Selbige zusammen fallen und die Stadt ko\u0308nne erobert werden. Sie sollen aber nichts von dem Alten u\u0308brig lassen, nichts, gar nichts. Das ist die Botschaft der Bibel\u201c. Und diese Johanna meinte dann, man sollte das auch ernst nehmen, das seien nicht alles nur Metaphern, Beispiele, Gleichnisse und so ein Zeug.<br \/>\nAllen wurde dann das Thema doch zu hei\u00df, zu stark waren die Parallelen zu der deutschen Teilungsmauer. Aber irgendwie lief die Diskussion immer wieder auf die Mauer hinaus und auf die Frage, ob so etwas denn denkbar sei.<br \/>\nEin Otto, er war Akustiker, meinte, dass dies sehr wohl mo\u0308glich sei, durch die Oberto\u0308ne: \u201eOberto\u0308ne sind ganz was Spannendes. Ohne Oberto\u0308ne gibt es eigentlich keine Musik, das wu\u0308rde sich ganz komisch anho\u0308ren; das, was wir ho\u0308ren, das, was bei uns Gefu\u0308hle auslo\u0308st, das sind immer die Oberto\u0308ne, die Oberto\u0308ne ergeben die Psychoakustik. Das sind ganz chaotische Schwingungen, Frequenzen, und das Spannendste ist, dass durch To\u0308ne, durch die Schwingungen der To\u0308ne, Materie beeinflusst werden kann. Also kann die Bibelgeschichte sehr wohl so stattgefunden haben, wie sie geschrieben ist. Durch das Blasen von hunderten Posaunen, es waren sicher Schofars aus Metall, ko\u0308nnen extreme Schwingungen aufgebaut werden, dass die Mauern poro\u0308s und bru\u0308chig werden.\u201c<br \/>\nDann kam Georg ins Spiel, ein uriger Kerl aus Annaberg. Geru\u0308chte rankten sich um ihn, fu\u0308nf Kinder ha\u0308tte er, alle von anderen Frauen, zwei Kinder von ihm wa\u0308ren im Abstand von drei Tagen geboren, er wu\u0308rde im Wald wohnen, ein echter Aussteiger. Auf jeden Fall zauberte er plo\u0308tzlich eine Tontra\u0308gerkassette hervor und meinte: \u201eWie wa\u0308re es damit, da sind alle Glocken der Republik zu ho\u0308ren?\u201c, worauf Otto, der Akustiker, meinte, dass Glocken die meisten Oberto\u0308ne ha\u0308tten, Glocken wu\u0308rden noch viel besser wirken als alle Trompeten, Posaunen und Schofars zusammen.<br \/>\nEs war eine Tonbandkassette von Eterna, VEB Deutsche Schallplatten Berlin, eine Kassette mit dem Gela\u0308ut der DDR, plus Ansage. Mit Glocken aus Frankfurt, Mei\u00dfen, Naumburg, Berlin, Marktneukirchen, Leipzig, von u\u0308berall, alle Glocken der DDR.<br \/>\nDer ganze Kreis ho\u0308rte nun die Kassette an. Ganz still wurde es. Allen war klar, dass gerade etwas besonders passierte. Eine ganz merkwu\u0308rdige Stimmung, etwas Heiliges entstand, etwas Ehrfurchtvolles, etwas Geheimnisvolles und es war auch das Gefu\u0308hl, dass plo\u0308tzlich das Schicksal der DDR in ihren Ha\u0308nden lag.<br \/>\nDann ging es ganz schnell. Man verabredete, dass man jeden Montagabend diese Kassette, die es auch als Schallplatte gab, ho\u0308rte. Es sollten so viele wie mo\u0308glich sein. Jeder sollte jeden, den er kennt, ansprechen und auch auffordern die Glocken zu ho\u0308ren, immer Montagabend und wenn tausende die Glocken ho\u0308rten, wenn zigtausend mal die Schwingungen erzeugt werden, wu\u0308rde das sicher Wirkung zeigen, und die Mauern, die noch abzurei\u00dfen sind, zum Wanken bringen.<br \/>\nEin Jahr Spa\u0308ter ho\u0308rten zig Tausende in der DDR diese Kassette, die immer wieder neu kopiert wurde. Montagabend fu\u0308r Montagabend ho\u0308rte man die Kassette in allen Ecken der damaligen Republik. Glockenpartys wurden veranstaltet, Schweigetreffen zum Glocken ho\u0308ren abgehalten und vieles dergleichen.<br \/>\nWie das dann im Herbst weiter ging, kann man in jedem Geschichtsbuch nachlesen.<br \/>\nEs gab dann die Montagsdemonstrationen, und niemand ho\u0308rte mehr die Glocken, man ging am Montag zur Demo, und aus den Demos wurde dann der Fall der bereits maroden, poro\u0308sen Mauer und von der DDR blieb, wie in der Bibel prophezeit, nichts mehr u\u0308brig.<br \/>\nVon den Glocken, von den ganzen Treffen, wo man gemeinsam ho\u0308rte, redet heute niemand mehr, es ist alles vergessen und wenn Karl Lieberknecht schmunzelnd davon erza\u0308hlt, dass das alles nicht in den Gescha\u0308ftsbu\u0308chern steht, und dass das auch nicht so schlimm wa\u0308re, dort stehe vieles nicht drin,<br \/>\nwas aber doch stattgefunden habe. 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Roland Albrecht, the director of the museum heard a story about it&#8230;<\/p>\n<p>You can listen to an excerpt here:<\/p>\n<iframe loading=\"lazy\" width=\"100%\" height=\"81\" scrolling=\"no\" frameborder=\"no\" src=\"https:\/\/w.soundcloud.com\/player\/?url=http%3A%2F%2Fapi.soundcloud.com%2Ftracks%2F5291356&auto_play=false&hide_related=false&visual=false&show_comments=true&show_user=false&show_reposts=false&color=1f89ff\"><\/iframe>\n<p>And this is the story (not yet translated):<\/p>\n<h1><strong>Die Glocken der DDR<\/strong><\/h1>\n<h3><strong>Die Geschichte eines Tontra\u0308gers mit dem Gela\u0308ut der DDR, der den Einsturz, den Fall der Mauer vorbereitet, eingela\u0308utet hat.<\/strong><\/h3>\n<p>Die Kassette wurde von Stefan Tiedje entdeckt und ins Museum gebracht.<br \/>\nWenn man Karl Lieberknecht darauf anspricht, erza\u0308hlt er die Geschichte mit den Glocken immer gern. Mit einem La\u0308cheln erza\u0308hlt er, wie die ganze Idee auf dem Rostocker Kirchentag im Juli 1988 entstand.<br \/>\nDer Kirchentag hatte die Losung: \u201eBru\u0308cken bauen\u201c. Lieberknecht meldete sich in der Arbeitsgruppe \u201eWie alt ist das Alte Testament? Ist es alt? Es ist die Zukunft!\u201c an.<br \/>\nDie Diskussion kam dann schnell auf die Trompeten von Jericho. Wie die Mauern der Palmenstadt zerbarsten, die Stadt eingenommen wurde, eine der besten wehrhaften Mauern der damaligen Zeit eigentlich friedlich erobert wurde, nur durch das Blasen, durch das ununterbrochene Blasen von Trompeten.<br \/>\nEine Johanna aus Go\u0308rlitz erza\u0308hlte dann die Geschichte aus der Bibel: \u201eAls die Kinder Israels vor den Toren Jerichos standen, sprach Gott mit ihrem Fu\u0308hrer Josua, dass er, Gott, ihm das Schicksal aller in Jericho Lebenden in die Hand gibt. Sie sollen die Stadt erobern. Josua war es unklar wie, denn die Stadt war eine einzige Festung, da konnte kaum jemand raus und nur schwer hinein. Dann sprach Gott zu Josua, er solle sieben Tage mit vielen Posaunen die Stadt umrunden. Das Volk solle sechs Tage schweigsam mit gehen, am siebten Tag soll es schreien und in einer gro\u00dfen Demonstration um die Mauern gehen. Dann wu\u0308rden die Selbige zusammen fallen und die Stadt ko\u0308nne erobert werden. Sie sollen aber nichts von dem Alten u\u0308brig lassen, nichts, gar nichts. Das ist die Botschaft der Bibel\u201c. Und diese Johanna meinte dann, man sollte das auch ernst nehmen, das seien nicht alles nur Metaphern, Beispiele, Gleichnisse und so ein Zeug.<br \/>\nAllen wurde dann das Thema doch zu hei\u00df, zu stark waren die Parallelen zu der deutschen Teilungsmauer. Aber irgendwie lief die Diskussion immer wieder auf die Mauer hinaus und auf die Frage, ob so etwas denn denkbar sei.<br \/>\nEin Otto, er war Akustiker, meinte, dass dies sehr wohl mo\u0308glich sei, durch die Oberto\u0308ne: \u201eOberto\u0308ne sind ganz was Spannendes. Ohne Oberto\u0308ne gibt es eigentlich keine Musik, das wu\u0308rde sich ganz komisch anho\u0308ren; das, was wir ho\u0308ren, das, was bei uns Gefu\u0308hle auslo\u0308st, das sind immer die Oberto\u0308ne, die Oberto\u0308ne ergeben die Psychoakustik. Das sind ganz chaotische Schwingungen, Frequenzen, und das Spannendste ist, dass durch To\u0308ne, durch die Schwingungen der To\u0308ne, Materie beeinflusst werden kann. Also kann die Bibelgeschichte sehr wohl so stattgefunden haben, wie sie geschrieben ist. Durch das Blasen von hunderten Posaunen, es waren sicher Schofars aus Metall, ko\u0308nnen extreme Schwingungen aufgebaut werden, dass die Mauern poro\u0308s und bru\u0308chig werden.\u201c<br \/>\nDann kam Georg ins Spiel, ein uriger Kerl aus Annaberg. Geru\u0308chte rankten sich um ihn, fu\u0308nf Kinder ha\u0308tte er, alle von anderen Frauen, zwei Kinder von ihm wa\u0308ren im Abstand von drei Tagen geboren, er wu\u0308rde im Wald wohnen, ein echter Aussteiger. Auf jeden Fall zauberte er plo\u0308tzlich eine Tontra\u0308gerkassette hervor und meinte: \u201eWie wa\u0308re es damit, da sind alle Glocken der Republik zu ho\u0308ren?\u201c, worauf Otto, der Akustiker, meinte, dass Glocken die meisten Oberto\u0308ne ha\u0308tten, Glocken wu\u0308rden noch viel besser wirken als alle Trompeten, Posaunen und Schofars zusammen.<br \/>\nEs war eine Tonbandkassette von Eterna, VEB Deutsche Schallplatten Berlin, eine Kassette mit dem Gela\u0308ut der DDR, plus Ansage. Mit Glocken aus Frankfurt, Mei\u00dfen, Naumburg, Berlin, Marktneukirchen, Leipzig, von u\u0308berall, alle Glocken der DDR.<br \/>\nDer ganze Kreis ho\u0308rte nun die Kassette an. Ganz still wurde es. Allen war klar, dass gerade etwas besonders passierte. Eine ganz merkwu\u0308rdige Stimmung, etwas Heiliges entstand, etwas Ehrfurchtvolles, etwas Geheimnisvolles und es war auch das Gefu\u0308hl, dass plo\u0308tzlich das Schicksal der DDR in ihren Ha\u0308nden lag.<br \/>\nDann ging es ganz schnell. Man verabredete, dass man jeden Montagabend diese Kassette, die es auch als Schallplatte gab, ho\u0308rte. Es sollten so viele wie mo\u0308glich sein. Jeder sollte jeden, den er kennt, ansprechen und auch auffordern die Glocken zu ho\u0308ren, immer Montagabend und wenn tausende die Glocken ho\u0308rten, wenn zigtausend mal die Schwingungen erzeugt werden, wu\u0308rde das sicher Wirkung zeigen, und die Mauern, die noch abzurei\u00dfen sind, zum Wanken bringen.<br \/>\nEin Jahr Spa\u0308ter ho\u0308rten zig Tausende in der DDR diese Kassette, die immer wieder neu kopiert wurde. Montagabend fu\u0308r Montagabend ho\u0308rte man die Kassette in allen Ecken der damaligen Republik. Glockenpartys wurden veranstaltet, Schweigetreffen zum Glocken ho\u0308ren abgehalten und vieles dergleichen.<br \/>\nWie das dann im Herbst weiter ging, kann man in jedem Geschichtsbuch nachlesen.<br \/>\nEs gab dann die Montagsdemonstrationen, und niemand ho\u0308rte mehr die Glocken, man ging am Montag zur Demo, und aus den Demos wurde dann der Fall der bereits maroden, poro\u0308sen Mauer und von der DDR blieb, wie in der Bibel prophezeit, nichts mehr u\u0308brig.<br \/>\nVon den Glocken, von den ganzen Treffen, wo man gemeinsam ho\u0308rte, redet heute niemand mehr, es ist alles vergessen und wenn Karl Lieberknecht schmunzelnd davon erza\u0308hlt, dass das alles nicht in den Gescha\u0308ftsbu\u0308chern steht, und dass das auch nicht so schlimm wa\u0308re, dort stehe vieles nicht drin,<br \/>\nwas aber doch stattgefunden habe. 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